Fortschritt

Christel Baumgart






Mittwoch, 02.11.2039 .....................................................10:00 Uhr

  .... NODD-News meldet .... NODD-News meldet .... NODD-News ...
Professor Mischnich tot! Der Entdecker des Lebensdauer-Gens (LEDAG) wurde heute um 18 Uhr 20 in seiner Wohnung in Wahn-Leide tot aufgefunden. Armin Jons, Leiter der Einheit Selbmor vom Polizei-Erweiterungs-Personal (PEP) gibt dazu bekannt:

„Es handelt sich um einen ganz normalen Vorfall. Fremdverschulden liegt nicht vor. Der Mann ist an einer Überdosis LMS gestorben. Die Wohneinheit war von innen verriegelt, die Spritze lag neben der Leiche. Üblicher Fall. Meine Leute haben die Tür aufgebrochen, weil die Person sich nicht auf dem Amt gemeldet hatte. Ganz normaler Einsatz. Bei dem Toten soll es sich um einen Wissenschaftler handeln, der früher einmal für viel Streit gesorgt hat. Mehr ist mir nicht über ihn bekannt ...“

Ach nein! Der Mischnich hat sich umgebracht! Den kennt doch heute kein Mensch mehr. Wenn ich daran denke, wie damals die Zeitungen vollstanden mit Berichten über seine Forschungen – alles unverdautes Zeug. Kaum jemand hat doch zu der Zeit auch nur annähernd verstanden, worum es wirklich ging. Als ich ihn kennenlernte, war er Leiter der Abteilung (Z) Genkarte am Institut für Biotechnik in K. Ich hatte einige Male mit ihm zu tun, wenn er plötzlich bei uns in der Tür stand und seine Proben selbst abholen wollte, weil er dem Kurier in heiklen Angelegenheiten misstraute. Er hielt sich niemals länger auf als unbedingt notwendig. Auf uns wirkte er verschlossen und ehrgeizig. Ein stiller Schaffer mit Ambitionen zum Erfolg.
Und eines Tages war es dann auch tatsächlich soweit. In Diskurs, einer der damals zahlreichen sogenannten Informationssendungen, die in Wahrheit Klatsch auf höherem Niveau betrieben, trat Mischnich abends zur besten Sendezeit auf und verkündete, er habe berechtigten Anlass zu der Vermutung, die Lebensdauer eines jeden Menschen sei bereits zum Zeitpunkt seiner Geburt festgelegt. Seinen Untersuchungen zufolge, die er an über 70jährigen lebenden Personen sowie an verstorbenen Kleinkindern durchgeführt hatte, zeigten, dass es zum jeweils erreichten Lebensalter eine ganz bestimmte Entsprechung auf einem Abschnitt der DNS gebe. Er sagte eigentlich nicht mehr, als dass es in naher Zukunft möglich sein würde, durch Untersuchungen für jeden einzelnen Menschen dessen individuell erreichbares Lebensalter vorauszusagen.
Die Meldung schlug wie eine Bombe ein. Am anderen Morgen titelten die Zeitungen: „Todestag für jeden Menschen vorhersagbar!“, „Wie lange lebt mein Baby noch?“, „Lebenstest für alle?“, „Todkranker fordert: Ich will wissen, wie viel Zeit mir noch bleibt!“ Es wurden Stimmen laut, die forderten: „Der Kanzler soll sich testen lassen!“ oder: „Kein Geld mehr für überflüssige Operationen.“ Die Kirchen verlangten das sofortige Einstellen von Forschungen auf dem Gebiet der menschlichen DNS.
Mischnich zeigte sich von dem ganzen Rummel anfangs unbeeindruckt. Er veröffentlichte seine Forschungsergebnisse in Science und bekräftigte darin seine Vermutung eines „Lebensdauer-Gens“. Er reiste von Kongress zu Kongress, von Talk-Show zu Talk-Show und ließ sich für die Leserschaft von populären Illustrierten interviewen. In kürzester Zeit hatte er die halbe wissenschaftliche Welt gegen sich aufgebracht. Die andere Hälfte verlangte nach fundierten Daten. Mischnich weigerte sich schließlich, über die eigentlichen Ziele seiner Arbeit zu berichten mit der Begründung, es handele sich um Grundlagenforschung. Man warf ihm unwissenschaftliche Methoden vor, wies ihm einige kleinere Unkorrektheiten nach und in kurzer Zeit war Mischnich wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Was von der Affäre blieb, war das von Mischnich erfundene und immer wieder gebrauchte Wort „Letalzeit“, das die für einen Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt noch verbleibende Lebenszeit bezeichnet. Es wurde zum „Unwort des Jahres“ gewählt und verschwand doch nie wieder aus unserem Wortschatz.
Das alles mag so um 2008/2009 gewesen sein. In den darauf folgenden Jahren hatten die Menschen in unserem Land ganz andere Probleme, die sie der Gentechnik keine Aufmerksamkeit mehr schenken ließen: die zunehmende Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende materielle Not, die Kürzung der Ausgaben auf dem Bildungssektor, die massenhafte Schließung der Kindergärten und Horte (mit der Begründung, statistisch gesehen habe jede Familie mindestens eine arbeitslose Person in ihren Reihen, die die Betreuung der Kinder übernehmen könnte). Damals empörten wir uns alleine oder in der Kleingruppe im Betrieb, in der Kneipe. Niemand ging mehr auf die Straße, um zu demonstrieren. Die letzten, die das getan hatten, waren ein paar Bergleute gewesen – anno 2012 glaube ich –, die für sich Arbeit im neu geschaffenen Haldenmuseum in Rh. forderten, nachdem endlich auch die letzte subventionierte Zeche stillgelegt worden war.
Ich gehöre zu der Generation, die aufwuchs, als es in unserem Lande – zuerst nur für wenige bemerkbar – anfing, wirtschaftlich wieder bergab zu gehen. Mir war früh klar, wo meine Interessen lagen und ich war heilfroh, dass ich mir beruflich einen sicheren Platz erkämpft hatte, bevor ein Studium nur noch für Millionärsnachwuchs finanzierbar wurde. Ich habe nie geheiratet und mich nie in die Politik eingemischt. Nach dem Praktikum hatte ich Glück und konnte sofort in der Firma anfangen. Noch nicht mein eigentliches Gebiet, aber nahe daran. Nach zwei Jahren dann – endlich! – wurde ich in die Abteilung für Interdisziplinäres übernommen und konnte mich von nun an ausschließlich mit dem befassen, was ich als meine eigentliche Aufgabe ansah.
Das war zu der Zeit, als kein Mensch mehr über Mischnich sprach und die kleinen Erfolge in der Genforschung kaum noch jemanden interessierten. Im Jahr 2017 kannten wir 3000 Krankheiten, die auf das Fehlen oder den Defekt eines einelnen Gens zurückzuführen waren. Keine einzige davon konnten wir durch Gentherapie heilen. Auch auf meinem Gebiet – Untersuchungen von Fehlfunktionen bei Enzymen – gab es kein Vorankommen. Fast täglich entdeckte man neue Einzelheiten und gleichzeitig taten sich wieder Abgründe neuer Fragen nach Zusammenhängen auf. Wir wurden mit Informationen zugeschüttet und jeder Versuch, eine Ordnung zu schaffen, schien zum Scheitern verurteilt. Es war tausendmal schlimmer als die Sache mit der Nadel im Heuhaufen: Ein Puzzle aus mehrdimensionialen Teilen, alle Seiten gleich bedruckt und passend nur zu genau einem ganz bestimmten Zeitpunkt – so habe ich es damals in einer Fachzeitschrift gelesen und das konnte man nur bestätigen. Du fängst als junger Mensch hoffnungsvoll an in der Gewissheit, eines Tages wird sich alles an seinen Platz fügen. Dann merkst du, wie die Jahre zerrinnen und du kein Stück vorangekommen bist. Eines Tages erkennst du, dass deine Zeit nicht ausreichen wird. Niemandes Zeit wird das. Ein gelöstes Problem birgt immer mindestens zwei neue.
Ach ja, ... Wo war ich stehengeblieben? Bei der allgemeinen Mutlosigkeit, die nicht nur die wissenschaftliche Welt im ersten Drittel des neuen Jahrtausends ergriffen hatte. Wie anders war doch die Stimmung noch zum Beginn der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts gewesen! Ich kann mich noch gut an die Euphorie erinnern, als man allgemein glaubte, mit der Gentherapie ließen sich in wenigen Jahren schlimme Peiniger der Menschheit ausmerzen. Nie wieder Alzheimer, Mukoviscidose, Aids, bestimmte Krebsarten ... Was wurde nicht alles vorhergesagt! Einen Erfolg gab es dann bei einer Krankheit, die ausschließlich bei Krebsen am Roten Meer vorkam und von der bisher kein Mensch etwas gehört hatte.
2017 lösten sich die ersten Komitees auf, die sich zehn oder fünfzehn Jahre (?) mit der Frage nach einer neuen Ethik befasst hatten. Eine neue Ethik war verlangt worden für den neuen Menschen, an dessen Keimbahn, dessen Nervenzellen, dessen Gehirn Änderungen vorgenommen werden würden: durch Keimbahntherapie, somatische Gentherapie, Transplantationen von Hirngewebe. Es waren eindeutige Gesetze verlangt und formuliert worden, die Euthanasie-Debatte hatte noch einmal eine kräftige Blütezeit erlebt. Aber jetzt war das alles kein Thema mehr. Die Forschung schien nicht voranzukommen. Therapiefortschritte gab es nur durch Verbesserungen von Operationstechniken. Transplantationen gehörten zum Alltag – die von Hirngewebe genauso wie die von Netzhaut, Leber und Herz. Aber kein Mensch fragte mehr danach, ob fremdes Hirngewebe auch fremde Bewusstseinsinhalte mit sich brächte und die Persönlichkeit dadurch eine Veränderung erführe. Was zählte, war allein die technische Machbarkeit.
In diesem Jahr strengte Mischnich seinen Prozess gegen mich an. Für mich kam das Ganze völlig unerwartet. Ich hatte immer selbstständig gearbeitet, von einer Ausbeutung seiner Ergebnisse konnte keine Rede sein. Es ist in der Wissenschaft seit jeher üblich, dass Forschungsergebnisse anderer Wissenschaftler für die eigene Arbeit herangezogen werden, wo stünden wir denn anderenfalls heute? Deshalb war die Verwendung einiger seiner Ergebnisse über die Letalzeit des Menschen ein völlig normaler Vorgang, dessen Legalität auch von keiner anderen Seite in Zweifel gezogen wurde. Insbesondere war der Vorwurf aber lächerlich, da inzwischen das Institut für Biotechnik, an dem Mischnich noch immer tätig war, der Firma angegliedert worden war und er nicht weiter den Geheimniskrämer spielen konnte.
Der Prozess kam niemals zustande und Mischnich verließ uns, um in Bayern, das damals schon selbstständig war, ein Labor zu leiten. Seit er sich im Ausland aufhielt, habe ich nie wieder etwas von ihm gehört, bis heute abend ...
Ich steckte damals mitten in meinen Versuchen und bekam nicht allzu viel mit von dem, was sich sonst so in der Welt abspielte. Dass sich die Erde in zwei Lager gespalten hatte – Ost und West – war ein bisschen wie früher in meiner Kindheit. Es herrschte aber eine relative Ruhe. Kriege und Hungersnöte fanden zunehmend in den Restländern statt. Das sind die, die vorwiegend auf der Südhälfte unserer Erdkugel liegen und wirtschaftlich nicht den Anschluss finden konnten. Heute weiß niemand mehr, wie es dort zugeht, nachdem der Äquatorialkrieg mit der neuen Waffe über Nacht beendet worden war. Zur Zeit findet ein Ost-West-Gipfel zur Klärung der Ressourcenabschöpfung in den Restländern statt. Ich habe auch einen Verdacht, was man gegen die Überbevölkerung dort zu unternehmen gedenkt, aber damit will ich nichts zu tun haben.
Ich greife schon wieder vor. Damals jedenfalls, vielleicht ein halbes Jahr nachdem Mischnich nach Bayern emigriert war, gelang es seinem ehemaligen Mitarbeiter Armed, der weiterhin bei uns in der Firma am Institut für Biotechnik arbeitete, die Lebensdauer von Schwarznasen-Eichhörnchen mit der sensationell niedrigen Abweichungsrate von +/-10 Tagen vorauszusagen. Armed reichte seinen Bericht unter Einhaltung der Vorgaben für staatswissenschaftliche Forschungen nach oben weiter – wir sind schließlich eine staatliche Einrichtung, und alles passiert auf dem Dienstweg. Aber die Bombe schlug nicht ein. Tagelang geschah einfach nichts. Armed hoffte von Tag zu Tag, zum Chef gerufen und begeistert in die Arme geschlossen zu werden. Er sah die Nachricht um die Welt gehen. Endlich wieder einmal ein sensationeller Erfolg! Wie sehr brauchten wir den! Nicht auszudenken, wie das den Ruf der deutschen Wissenschaft aufwerten würde. Und vor allen Dingen: Es würden wieder Gelder bewilligt werden! Wie nötig hatten wir alle einen Beweis dafür, dass unsere Arbeit etwas brachte.
Als Armed nach einer Woche nachhören wollte, wann seine Forschungen denn nun der Öffentlichkeit vorgestellt würden, beschied ihm der Leiter, seine Arbeitsgruppe würde aufgelöst. Das Gebiet, mit dem sich Armed befasst habe, sei nicht mehr zeitgemäß, die Ausgaben für derartige Forschungen vor den Menschen im Lande nicht mehr zu rechtfertigen. Kein Mensch habe einen Nutzen davon zu wissen, ob ein Eichhörnchen morgen oder übermorgen vom Ast falle. Da man ihn aber für einen fähigen Mitarbeiter halte, der die Gabe besitze, sich rasch in neue Gebiete einzuarbeiten, biete man ihm die Leitung des gerade eingerichteten Wissenschaftlichen Archivs an. Auch seine bisherigen Mitarbeiter könnten dort weiterbeschäftigt werden.
Ich weiß noch gut, wie ich Armed im Labor vorfand, umringt von den Kollegen. Die Stimmung in der Gruppe schwankte zwischen offener Rebellion und Hoffnungslosigkeit. Ich konnte die Wogen der Aufrührer glätten, indem ich sie eindringlich auf die Folgen unbedachter Handlungen und Äußerungen hinwies. Den Job zu verlieren war so ziemlich das letzte, was man sich damals erlauben konnte, denn die Regierung hatte im Vorjahr jegliche staatliche Unterstützung für Arbeitslose gestrichen. Es gab nur noch die Möglichkeit, für einen Minimallohn in sozialen Einrichtungen (vorwiegend in der Altenpflege und in Suppenküchen) ein paar Euros zu verdienen. Da half auch keine akademische Ausbildung mehr aus dem Elend heraus.
Armed blieb als Einziger uneinsichtig. Er wollte seine Ergebnisse veröffentlichen und seine vorgesetzte Behörde notfalls durch die zu erwartende positive Reaktion der in- und ausländischen Fachwelt überzeugen. Als er wütend das Labor verließ, eilte ich ihm nach, um ihn zu warnen: Er musste damit rechnen, dass sein Vorhaben dem Leiter zugetragen würde. Alles vergebens. Er ließ sich nicht überzeugen, sondern richtete zuletzt seinen Zorn auch noch gegen mich. Armed wurde am gleichen Abend auf dem Weg von der U-Bahn-Station Halleweg zu seiner Wohnung von Unbekannten überfallen und beraubt. Unglücklicherweise trug er eine so schwere Kopfverletzung davon, dass er noch während des Transportes in die Klinik starb. Wir waren alle erschüttert, als wir am anderen Morgen davon erfuhren. Die Firmenleitung zeigte sich von der noblen Seite und sorgte für ein wunderschönes, ehrenvolles Begräbnis.
Für mich blieb es lange Zeit unverständlich, wieso unser Staat aus Armeds Forschungsergebnissen keine Konsequenzen zog und durch die Anwendung und Erprobung in der Praxis irgendwelchen Nutzen – in erster Linie finanzieller Art – aus dem Wissen zu ziehen versuchte. Schließlich brauchte das Land nichts so sehr wie Geld. Wozu forschten wir, wenn niemand etwas mit den Ergebnissen anfangen wollte? Es war schon erstaunlich genug, dass überhaupt noch Geld für die Forschung ausgegeben wurde. Warum ließ man forschen, wenn solche wahnsinnigen Erfolge, wie der von Armed doch einer war, in irgendwelchen Schubladen verschwanden?
Da tauchte im Mai 2021 Uwe Manns auf dem Aktienmarkt mit seiner Eternity AG auf, einer Organisation, die sich allein mit der Erforschung lebensverlängernder Abschnitte in der menschlichen DNS befasste. Es war ein klug gewählter Zeitpunkt für den Gang an die Börse, denn kurz zuvor war es erstmals gelungen, mit Hilfe der Gentherapie Krebs zu heilen (eine bestimmte Form des Dickdarmkrebses). In einem deutschen Labor! Es funktioniert also doch! Ein Anfang war gemacht.
Für kurze Zeit, nur ein paar Jahre vielleicht, entstand so etwas wie eine Goldgräberstimmung im Lande. Alles schien auf einmal wieder möglich, was man resigniert als unrealistische Träumereien aus seinen Gedanken verbannt hatte. Ein Leben ohne Krankheiten, wenn nicht mehr für sich selbst, dann doch vielleicht für die Kinder und Enkelkinder. Man musste nur weiterhin daran arbeiten.
Es war schon ganz schön aufregend mitzuerleben, wie sich die Stimmung in der Bevölkerung änderte. Der Mittelstand investierte, Aktienbesitz war wieder so selbstverständlich wie die cash-card, drei Wirtschaftssender stritten plötzlich um die Gunst des TV-Users. Nur die Vertreter von PAR (Poor Against Rich) nutzten die ihnen eingeräumte Sendezeit von fünfzehn Minuten für eine allgemeine Hetze gegen den Fortschritt. Sie glaubten damals noch an die Möglichkeit einer gesetzlichen Vorgabe zur Gleichbehandlung aller Kranken und forderten ihr angebliches Recht ein. Als wenn wir dafür noch Reserven gehabt hätten!
2023 stehen die Medien weltweit kopf: Die Gen-Kombination ist gefunden, die die Letalzeit eines jeden menschlichen Individuums festlegt. Eindeutig und mit einem einfachen Test jederzeit nachweisbar. Die Öffentlichkeit ist in zwei Lager gespalten: Während die einen sich sofort einem solchen Test unterziehen wollen (was natürlich in diesem Umfang zu der Zeit schon allein rein technisch und von der Ausrüstung der Labors gar nicht möglich war) und begeistert sind von der Aussicht, eventuell ein langes Leben sozusagen im Voraus bescheinigt zu bekommen, entsetzen sich die anderen bei genau dieser Vorstellung und fordern nach Gesetzen, die die Anwendung solcher Untersuchungsmethoden verbieten.
Ich weiß von knapp zehntausend Fällen, bei denen die Letalzeit ermittelt wurde und das Ergebnis den Betroffenen mitgeteilt wurde. In der Folgezeit kam es unter diesen reihenweise zu tragischen Vorfällen. In Verkennung der Tatsache, dass das sogenannte „Lebensdauergen“ (was es ja in dieser Vereinfachung nicht gibt) kein Garant ist für das Überleben von Unfällen, Mordanschlägen und ähnlichen Angriffen auf die Gesundheit, wagten manche Menschen mit einer „bescheinigten“ Letalzeit von vielen Jahren oder gar einigen Jahrzehnten Unternehmungen, die sie sich sonst niemals zugemutet hätten. Viele kamen dabei vorzeitig ums Leben. Andere schieden von einem Tag auf den anderen aus dem Arbeitsleben aus, hauten die Familienersparnisse auf den Kopf, verprellten ihre Freunde und führten ein ausschweifendes Leben – mit der entsetzlichen Nachricht konfrontiert, dass ihre bisherige Lebensplanung hinfällig war, da sie nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben hatten. Gleichzeitig überschwemmte uns eine Antragsflut mit Wünschen von Arbeitgebern zu Letalzeitfeststellungen für ihre Beschäftigten.
Kurzum – das Chaos konnte kaum größer sein. Da verübten religiöse Fanatiker ein Attentat auf das Gebäude der Eternity AG. Zwei Angestellte Manns' kamen dabei ums Leben. Manns selbst gab anschließend in einem Interview kund, er habe vom bevorstehenden Tod der beiden gewusst, denn er könne sehr wohl auch einen unnatürlichen Todeszeitpunkt voraussagen. Mit diesen Äußerungen, die sicherlich völlig aus der Luft gegriffen waren und mit denen er sich nur wichtig machen wollte, löste Manns weltweit eine Welle der Empörung aus.
Kurioserweise kam es in der Folgezeit zu einem neuen religiösen Bewusstsein der Menschen. Der Blick in die Zukunft wurde mit dem Sündenfall im Paradies in Zusammenhang gebracht. Immer mehr Menschen verlangten, was das Wissen über Letalzeiten anging, den Zustand der Unschuld wiederherzustellen (was natürlich unmöglich war) – oder ihn zumindest für die kommenden Generationen wieder einzuführen. Ein Ende der Forschung auf dem Gebiet der Letalzeit wurde immer heftiger gefordert. Schließlich mußte der O/W-Rat in Paris zu einer Sitzung der Dringlichkeitsstufe 1 zusammenkommen. Das Ergebnis war niederschmetternd – für meine Kollegen und mich, aber auch für die Menschheit: Erstmals sollte eine Entwicklung der Forschung angehalten werden – weltweit. Alle Mitglieder der O/W-Staaten verpflichteten sich, die Forschungsergebnisse auf dem Sektor der Genanalyse und Gentherapie zu ächten. Innerhalb von zwölf Monaten sollten alle damit befassten Einrichtungen abgewickelt werden. So etwas hatte es in diesem Ausmaße und mit diesen Folgen noch nie gegeben.
Kriminelle Elemente versuchten im folgenden Jahr immer wieder, diese Abwicklung der Institute zu unterlaufen, indem sie Wissenschaftler und Laborangestellte bedrohten oder zu bestechen versuchten. Aber unsere Arbeitsplätze wurden derart gut bewacht und abgeschirmt, dass mir kein einziger Fall zu Ohren kam, bei dem es gelungen wäre, wissenschaftliches Know-How und labortechnische Verfahren nach draußen zu schaffen.
Im August 2026 meldete der O/W-Rat: Weltweit gab es keinen einzigen Wissenschaftler mehr, der die Möglichkeit hatte und nutzte, auf dem Gebiet der Genanalyse oder Gentherapie weiterzuforschen oder die bisher bekannten Methoden anzuwenden und zu nutzen. Wir alle hatten ein entsprechendes Papier unterzeichnen müssen, nachdem die zuständige Komission die Abwicklung unseres Institutes bescheinigt hatte.
Im Grunde genommen war es ein lächerliches Vorgehen und ich kann immer noch nicht glauben, dass es gewählte Volksvertreter weltweit gab, die der festen Überzeugung waren, Wissen ließe sich gezielt vergessen. Was folgte, waren lapidare Meldungen über Schließungen und Umwandlungen von Instituten und Laboratorien. Neue Ziele wurden formuliert und Pläne für deren Verwirklichung erstellt: Wirtschaftliche Themen gerieten wieder mehr in den Vordergrund, brachten auch tatsächlich eine leichte Verbesserung der Lebensverhältnisse mit sich.
Die Bevölkerung strömte in Scharen zu den Vergnügungsstätten. Es waren jetzt sogenannte Top-Adventures angesagt. Das waren Massenveranstaltungen in riesigen Hallen oder unter freiem Himmel, bei denen in haarsträubenden Spielen und Wettkämpfen ein Sieger ermittelt wurde, dem als Prämie eine Burg, ein Schloss oder auch nur eine Villa zukamen. Der stolze Sieger konnte aus den Reihen seiner unterlegenen Gegner drei Personen wählen, die ein Jahr lang für sein leibliches Wohl, für sein Haus oder sein Auto sorgen mussten.
Die Spiele waren ungemein beliebt. Jeden Samstag beteiligten sich landesweit bis zu 200 Menschen daran. Die Sehbeteiligung zuhause lag konstant über der 50-Prozent-Marke. Als es zu den ersten Notverkäufen kam, weil die Sieger nicht mehr in der Lage waren, ihre Immobilie weiter zu bewirtschaften, wurde direkt im Anschluss an die Spiele-Übertragung ein Sendeplatz eingerichtet, der es erlaubte, sich live an der Versteigerung zu beteiligen und mitzuerleben, wie der Schlossherr das Feld räumen musste.
Das waren ein paar Jahre, in denen allgemeine Ruhe herrschte. Die große Politik war in den Hintergrund getreten. Man hatte sein Auskommen, seine Unterhaltung. Mit der Armut der anderen konnte man leben. Jeder hatte ja seine Chance.
Ja, und dann kam eines Tages etwas ans Licht der Öffentlichkeit, das alles, alles verändern sollte. Im Jahre 2031 brachte der Objective eine Titelstory, die auf der ganzen Welt für Aufregung sorgte. Ich glaube, die Schlagzeile hieß ganz vorsichtig: „Nutzt der deutsche Staat die Lebensdauer-Forschung für seine Interessen weiter?“ Auf der Titelseite waren Listen mit Namen und Zahlenkolonnen abgebildet, die auf den ersten Blick wenig sensationell erschienen. Dafür hatte es der Bericht in sich. Es wurde behauptet, die ärztlichen Untersuchungen, die an sich nur beim Eintritt ins Berufsleben Pflicht waren, wären aus vorgeschobenen Motiven inzwischen bei fast jedem deutschen Staatsbürger vorgenommen worden. Sei es für einen Wechsel des Krankenversicherers, für den Ein- oder Austritt in einen Sportverein, für die Führerscheinprüfung, für die Erstuntersuchung gleich nach der Geburt und und und ... Immer wäre eine Probe auch an das Institut für polybiologische Medizin geschickt worden. Eine Bestimmung aus dem Jahre 2027 hatte dies ohne nähere Erläuterungen zur Routine erklärt. Ein Objective-Reporter-Team hatte aufgedeckt, dass die Proben dort einzig und allein auf ihre Letalzeit untersucht wurden. Führende Wirtschaftsbosse Deutschlands, aber auch der Innen- und der Wirtschaftsminister sollten angeblich in die Affäre verwickelt sein. Wenn das alles stimmte, so lag ein eindeutiger Verstoß gegen den Beschluss des O/W-Rates vor.
Die gesamte Objective--Auflage wurde sofort nach ihrem Erscheinen wegen Verdachtes auf Landesverrat beschlagnahmt. Das war genauso lächerlich wie der Versuch des Vergessens von Wissen. Natürlich hatte die Nachricht schon große Teile der Welt erreicht und war in aller Munde. Die Objective-Redaktion wurde vom Verfassungsschutz besetzt. Es kam zu heftigen Protesten in allen größeren Städten. Die Menschen gingen wieder auf die Straße. Sie verlangten Aufklärung aller Vorkommnisse und Einsicht in ihre Akten. Die alarmierte Weltöffentlichkeit forderte eine umgehende Klärung des Falles.
Der Bundeskanzler musste nach Paris reisen und vor dem eilig zusammengerufenen Rat der O/W-Staaten Rede und Antwort stehen. Die Untersuchung war nicht öffentlich. Sie endete mit der Bekanntgabe, dass innerhalb einer Frist von sechs Monaten eine international zusammengesetzte Komission aus Bio-Wissenschaftlern untersuchen sollte, ob die ungeheuren Anschuldigungen zuträfen. Das Ergebnis stand schon nach fünf Wochen eindeutig fest: Die Anschuldigungen des Objective waren in allen Punkten berechtigt. Der deutsche Staat, dem inzwischen auch 80 Prozent aller Betriebe mit mehr als sechzig Beschäftigten gehörte, hatte flächendeckend dafür Sorge getragen, dass bei bestimmten allgemeinen Blutuntersuchungen immer auch eine Probe an das Institut für polybiologische Medizin ging und dort alle Proben verbotenerweise im Hinblick auf das Lebensdauergen untersuchen lassen. Die Daten waren nicht nur erhoben, sondern auch verwendet worden. So konnte zum Beispiel nachgewiesen werden, dass in den Staatsdienst nur noch Personen gelangten, die 1. kerngesund waren und 2. über eine hohe Letalzeit verfügten.
Der O/W-Rat forderte die deutsche Regierung zur umgehenden Schließung des Institutes für polybiologische Medizin sowie aller anderen eventuell bestenden ähnlichen Einrichtungen auf und kündigte die Überwachung dieser Maßnahmen durch eine internationale Gruppe von Bio-Wissenschaftlern an.
Die Reaktion der deutschen Bevölkerung sorgte jedoch bald für eine überraschende Änderung der politischen Verhältnisse. Die Menschen zogen vor die Regierungsgebäude und forderten die Herausgabe ihrer Untersuchungsergebnisse. Es war wohl auch beim Mann auf der Straße in all den Jahren nicht anders gewesen als in meinem begrenzten Bekanntenkreis: Jeder verwünschte insgeheim das Ende der Genforschung. Einige wenige wussten aus Untersuchungen vor der Verbotszeit über ihre Letalzeit Bescheid. Viele andere konnten den Gedanken nicht ertragen, dass in irgendeiner Schublade ein Schriftstück liegen sollte, auf dem ihre Letalzeit stand – unerreichbar für ihre eigenen Augen.
Auch die sehr kleinen Erfolge, die wir einmal in der Gentherapie vorweisen konnten, wurden wieder an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Die Medien malten dem Volk eine goldene Zukunft aus, in der die Deutschen auf dem Weltmarkt eine führende Position innehaben würden. Die Schlagzeilen sprachen für sich: „Wir machen weiter!“, „Die Genforschung ist unsere Zukunft“, „Wer kann uns denn noch das Wasser reichen?“, „Deutsche Wissenschaftler: Spitze!“
Rassistische und nationale Tendenzen traten plötzlich überall zutage. Mit einem neu erwachten Selbstbewusstsein lehnte die Mehrheit der Bevölkerung eine Kontrolle und Bevormundung durch die Partnerstaaten ab. Es kam zum legendären Volksentscheid von 2032, bei dem über zwei Fragen abgestimmt wurde:

1.   Soll jeder Person das Recht zukommen, ihre Letalzeit zu erfahren?
2.   Soll in Deutschland die Forschung auf dem Gebiet der Gene wieder aufgenommen und weiterführt werden?

Das Ergebnis ist bekannt, jedes Kind hört heute spätestens in der Schule davon: Beide Fragen wurden mit überwältigender Mehrheit bejaht. Deutschland beschloss die Weiterführung der Genforschung, auch gegen den Willen der Partnerstaaten. Dazu gehörten unweigerlich der sofortige Austritt aus der O/W-Vereinigung und eine damit verbundene politische und wirtschaftliche Isolierung des Landes.
Damals jubelten die Deutschen: Wir sind wieder wer! Wir sind die Menschen, die ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen! Wir sind die einzigen, die ihre Zukunft planen können, denn nur wir haben das Wissen dafür!
Ich war zu der Zeit schon um einiges weiter und verfolgte die überraschende Euphorie kopfschüttelnd: Ihr würdet euch noch wundern. Euch ist doch gar nicht klar, worauf ihr euch da einlasst!
Nach zwei Monaten trat ein Versorgungsengpass ein, da die Transporte aus unserer Kolonie von den anderen Staaten nicht durchgelassen wurden. Es bedurfte einiger, für unsere Regierung sicherlich sehr unangenehmer Gespräche, bis es nach etlichen finanziellen Zugeständnissen schließlich wieder freie Bahn für unsere Lebensmittel gab.
Alle Deutschen erhielten damals ein gesetzlich verbrieftes Recht auf Auskunft über ihre Letalzeit. Dem Institut für polybiologische Medizin wurde die Bundesanstalt PopVit angegliedert, deren einzige Aufgabe in der Beantwortung von Anfragen zur Letalzeit bestand. Kaum eine Frau und kaum ein Mann konnte sich damals dem allgemeinen Zwang entziehen und auf die Einholung der Letalzeit-Daten verzichten. Die Menschen sahen es in kürzester Zeit als einen völlig normalen Vorgang an, etwa von ihrem potenziellen Lebenspartner Einsicht in dessen Letalzeit-Dokument zu verlangen. Warum sollte man große Gefühle in jemanden investieren, dem nur noch kurze Zeit zu leben beschieden war? Andererseits: Ein paar Jahre ließen sich sicherlich mit einem unangenehmen Menschen an der Seite zubringen, wenn man nach dessen Tod dafür finanziell gut situiert mit dem Erbe weiterleben könnte.
Schnell kam es aber auch zu Indiskretionen der übelsten Art: Listen mit den Letalzeiten prominenter Personen wurden veröffentlicht und diskutiert. In TV-Shows wurden Gäste, die bekundet hatten, bisher ihre Letalzeit noch nicht erfragt zu haben und die dies auch für die Zukunft aus verschiedensten Gründen ablehnten, mit ihrer auf kriminellen Wegen eingeholten Letalzeit-Information konfrontiert und oftmals durch ihre Betroffenheit zum Spottgegenstand der Nation gemacht.
2038 trat dann die Unnütz-Verordnung in Kraft. Sie erinnern sich vielleicht: Es gab immer wieder Mütter, die ihre Kinder austragen wollten, auch wenn die Letalzeit des Ungeborenen wirtschaftlich gesehen einen hundertprozentigen Verlust für die Gesellschaft darstellte. Was verspachen sich Frauen davon, ein Kind zur Welt zu bringen, das nach wenigen Jahren, ohne auch nur im geringsten Maße zum Fortschritt der Menschheit beigetragen zu haben, mit Sicherheit sterben würde? Der Staat – wir alle – zahlten für die Erziehung, die Unterbringung, die Ausbildung, eventuell auch noch für die Pflege – und dann? Dann starb das Kind zum erwarteten Zeitpunkt und der ganze Aufwand war für nichts gut gewesen.
Die Unnütz-Verordnung (eigentlich handelte es sich dabei um einen Artikel das Gesetzes zur Ressourcen-Abschöpfung, aber kein Mensch gebrauchte diesen Ausdruck) sorgte nun dafür, dass Kinder mit einer geringen Letalzeit gleich nach der Geburt in Wohlfahrtseinrichtungen kamen, wo man sie mit dem Lebensnotwendigsten versorgte, aber gleichzeitig gezielt zu verhindern wusste, dass unnötig Zeit und Geld in sie investiert wurde. Es kam zu neuen Straftatbeständen: der Vortäuschung langer Letalzeit und damit verbunden der Verschwendung persönlicher Kraftressourcen bei der Aufzucht und Pflege solcher Kinder im Elternhaus.
Wirtschaftlich gesehen waren die Jahre um 2040 die Zeit des großen Umbruchs. Das Gesetz zur Ressourcen-Abschöpfung brachte immense Einsparungen mit sich, vor allen Dingen bei Krankenhaus- und Medikamentenkosten. Viele Eingriffe konnten jetzt ja unterbleiben, da von vornherein feststand, dass sie das Leben nicht verlängern würden. Dafür konnten andere kranke Menschen mit oft teuren Medikamenten schnell wieder dem Arbeitsleben zugeführt werden. Der Lebensversicherungsmarkt brach völlig zusammen. In fast allen anderen Bereichen ging es dagegen zögernd wieder aufwärts. Nicht nur der Staat, auch die Industrie und das Handwerk konnten endlich wirklich planen. Auf einmal waren auch wieder Gelder für Kindergärten und Horte da, die Schulklassen konnten verkleinert werden, selbst das Verkehrsproblem bekam man allmählich in den Griff. Goldene Zeiten schienen bevorzustehen.
Aber dann kam es 2042 zum Aufstand aller gegen alle: die Langleber erhoben sich gegen die Kurzleber, weil letztere zunehmend die Auffassung vertraten, sie bräuchten sich in ihrem kurzen Leben nicht für den schönen langen Lebensabend der anderen abzurackern. Die Kurzleber (sie werden maximal vierzig Jahre alt) wollten eine mindestens fünfjährige Rentenzeit für sich. Die Langleber (bis sechzig Jahre) forderten eine gleich lange Rentenzeit wie die Längstleber (bis 85 Jahre), nämlich zehn Jahre.
Die Kurzleber verlangten, dass Gelder in die Erforschung der Umstände gesteckt würden, die sie daran gehindert hatten, zu Lang- oder Längstlebern zu werden und forderten Untersuchungen zur Reparaturmöglichkeit ihres ungeliebten Lebensdauergens.
Allgemein schlecht angesehen sind auch heute noch die Extremleber. Das sind Personen, die länger als 85 Jahre leben. Sie wurden damals – auch gegen ihren Willen – in Letallager verbracht, wo ihr Vermögen, wenn sie denn eines hatten, zum Teil in ihre eigene, zum Teil in die Verwahrung mittelloser, anderer Alter floss. Als die Längstleber dagegen protestierten, dass sie bis zum Alter von fünfundsiebzig Jahren arbeiten sollten, während sich normale Langleber schon mit fünfundfünfzig zur Ruhe begeben durften, provozierten sie damit Rentenminister Holst zu der Äußerung, für Längstleber könnten jederzeit ausgezeichnete Sammelstätten eingerichtet werden, in denen den Arbeitsunwilligen schon beigebracht würde, was ihr Lebensunterhalt koste.
Für Holst rückte bald Gunz nach. Der machte sich bei den Langlebern insbesondere wegen seiner Forderung nach einer Unterscheidung zwischen nützlichen und unnützen Langlebern beliebt. Da sich jeder Langleber für ein nützliches Glied der Gesellschaft hielt, unterstützten sie alle die Pläne des Ministers, unnütze Lang- und Längstleber, also solche, die krank oder siech sind, auf humane Art vorzeitig zu erlösen. Um einen ersten Schritt zu tun, den Ungerechtigkeiten in der Letalzeit zu begegnen, kam vor zwei Jahren der Geburtenerlass. Er besagt, dass alle Schwangeren ihr ungeborenes Kind auf dessen Letalzeit hin untersuchen lassen müssen. Es dürfen seither nur noch Kinder ausgetragen werden, die Mittel- oder Langleber sind. Weitere zweiundvierzig Tests müssen ausschließen, dass das Ungeborene eines Tages an einer der bisher nicht oder nur mit erheblichem finanziellen Aufwand zu heilenden Krankheiten leidet, die auf Gendefekte zurückzuführen sind.
Die Einsparungen, die der Staat aufgrund des Geburtenerlasses machen konnte, wurden anfangs zur Hälfte dem Ressort des Abschirmministers zugeteilt und in den Ausbau der Anlage zur Vermeidung fremder Einsichtnahme gesteckt. Die andere Hälfte floss den Einrichtungen zu, welche sich mit der Erforschung der Möglichkeit von Veränderungen am Letalzeitgen befassten.
Vor zwei Wochen hat man diese Forschungen wieder eingestellt. Eine großangelegte Begleitstudie hatte erbracht, dass unser Land die größten und sichersten Überlebenschancen hat, wenn alles so weitergeführt würde wie es augenblicklich geschieht: Zu Geburten werden ausschließlich Mittel- und Langleber zugelassen. Das Problem der noch verbliebenen Kurz-, Längst- und Extremleber wird sich in absehbarer Zeit von alleine lösen. Unser Staat wird sich in ein, zwei Generationen gesundgeschrumpft haben. Das Versorgungsproblem, das trotz der Einfuhren aus unserer Kolonie doch immer irgendwie noch präsent ist, wird sich in nichts auflösen.
Ein schönes, ein neues Deutschland wird sich am Ende des ersten Jahrhunderts in diesem neuen Jahrtausend der Rest-Welt präsentieren. Ich habe daran mitgearbeitet. Und ich will das erleben. Ich habe ihnen dieses halbe Jahr in Freiheit abgeluchst, um meine Forschungen beenden zu können. Jetzt ist es soweit. Ich hätte mich vor sechs Monaten melden müssen, aber es war mir einfach unmöglich. Ich stand doch so kurz vor der Lösung, dem alles entscheidenden Ergebnis!
Ich habe damals, am Abend des siebten Mai die Würdigung des Präsidenten mit einer Haltung entgegengenommen, wie man sie sicherlich selten bei der Verabschiedung eines Langlebers aus der Arbeitswelt erlebt hat. Ich war völlig konzentriert, hatte meine Gedanken seit Tagen ganz und gar auf diese zwei Stunden versammelt: zwanzig Minuten dankende und lobende Worte, zehn Minuten meine nicht weniger freundliche und dankende Antwort, danach der obligatorische kleine Umtrunk mit Kollegen und Vorgesetzten und anschließend der Gang durch die Firma mit dem Entfernen aller persönlichen Dinge und dem Abschrauben des Namensschildes an der Labortür.
Ich bin danach einfach nicht zur Meldestelle gefahren sondern hierher, in dieses Domizil, von dessen Existenz mir eine Person vor Jahren berichtete, deren Namen ich nicht nennen werde, auch wenn diese Person jetzt schon seit einiger Zeit nicht mehr unter uns weilt. Wenn sie mich gleich abholen, wird es wieder ein Domizil mehr sein, das dem Staate verraten wurde. Aber diesmal ist es die Bewohnerin selbst, die ihre Häscher einbestellt hat. Nein, es sind ja nicht die Häscher, die kommen werden. Ich hoffe doch auf eine anständige Delegation. Vielleicht kommt der Wissenschaftsminister persönlich? Ach nein, der ist vielleicht noch gar nicht im Bilde. Ich glaube, man wird mich direkt zum Präsidenten bringen.
Wie spät ist es eigentlich? Gleich zwanzig Uhr ... Um achtzehn Uhr fünfzig habe ich die Nachricht an den Präsidenten gesendet. Wieso ist noch nichts passiert? Ich weiß, daß er jetzt in seinem Palais ist. Die Regierung muss doch sofort informiert werden. Wieso handeln sie nicht umgehend? Ich will, dass von meiner Entdeckung alle erfahren. In den letzten fünf Jahren habe ich immer wieder Erfolge vorweisen können bei der Reparatur defekter Gene und Gengruppen, ich habe (mit Spings zusammen) die Grundlagen für die Heilung von fünf volkswirtschaftlich schädlichen Krankheiten ermöglicht. Mein Name ist bekannt. Ich werde seit Monaten gesucht. Sie sollen kommen, sie sollen mich nach dem Empfang beim Präsidenten in die Firma bringen, sie sollen fragen: Mein Gott, warum haben wir dich gehen lassen? Du bist jetzt sechzig – na und? Warum haben wir bei dir keine Ausnahme gemacht?
Sie werden meinen Namen wieder an der Labortür anbringen. In den nächsten Tagen und Wochen werde ich den Fachleuten des ganzen Landes erläutern und vorführen, womit ich mich die ganze letzte Zeit ausschließlich befasst habe und was absolut rechtfertigt, dass ich mich damals nicht umgehend zur Letal-Meldestelle begeben habe: Ich werde ihnen demonstrieren, wie ich das Letalzeit-Gen manipuliere. Ich werde es ihnen an kürzest-lebenden Insekten vorführen, dann an Kleinsäugern und dann an einem beliebigen todkranken Menschen ihrer Wahl. Sie werden jeden Tag, jede Woche aufs Neue erst ungläubig, dann begeistert und bewundernd auf mich schauen.
Man wird mich mit Ehrungen überhäufen wollen, aber ich werde alle ablehnen mit dem Hinweis, ich habe es für die Menschheit getan (oder für das Land? – das muss ich mir noch überlegen). Ich habe mir natürlich schon Gedanken gemacht, dass wir, wenn wir ansonsten so weitermachten wie bisher, als Ewigleber bald ein überaltertes Volk wären und ein überbevölkertes Land hätten. Man möchte auch eigentlich nicht unbedingt, dass genau die Menschen, die zufällig jetzt leben, in den Genuss der Ewigkeit kommen. Es sind ja doch einige Idioten darunter. Ich sehe da auch die Notwendigkeit, gegebenenfalls in Lebenszeiten verkürzend einzugreifen.
Jetzt kommt ein Wagen. Mal sehen. Ach, nur der von der Letal-Abholung. Immer noch nicht das Regierungsfahrzeug. Ich verstehe nicht, was da passiert ist, dass die so lange brauchen. Na, andererseits, wenn die wichtigen Leute demnächst ewig leben, kann man sich auch mehr Zeit für alles lassen.

Die Türglocke! Ich komme ...


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