Fraktur, Antiqua, Schwabscher - deutsche Schrift?

Zur Auseinandersetzung um die Fraktur im Dritten Reich

Christel Baumgart


Die Frakturschrift fristet heute ein Dasein am Rande der Schriftlandschaft. Sie taucht noch in Urkunden auf oder im Titel von Festschriften. Zeitungen oder Institutionen mit langer Tradition verwenden Fraktur manchmal noch für ihren Namenszug. Die darauf folgenden Texte sind jedoch normalerweise in Antiqua gehalten. Junge Menschen legen alte Bücher ungelesen zur Seite – das Entziffern der ungewohnten Schrift ist ihnen zu mühsam und zeitraubend. In den Schulen wird Fraktur nicht mehr gelehrt. Sie ist „out“.

In der Bevölkerung werden die gebrochenen Schriften mit mittelalterlichen Texten, jahrhundertelanger Tradition, aber auch mit Deutschtümelei und Ewiggestrigem in Verbindung gebracht. Sie werden oftmals als typisch deutsch angesehen und mit der Zeit des Nationalsozialismus in Zusammenhang gebracht. Aus diesem Grund verwenden rechtsextreme Gruppen gern Frakturschrift. Inwieweit sie damit den Ideen ihrer Vorbilder gerecht werden oder nicht, wird diese Untersuchung unter anderem aufzeigen.

Vor nur etwa achtzig Jahren existierten in Deutschland die gebrochenen und die runden Schriften (Fraktur und Antiqua / deutsche Schrift und lateinische Schrift) annähernd gleichberechtigt nebeneinander. Das Lesenlernen beider Druckschriften und das Schreibenlernen der lateinischen sowie der deutschen Schrift geschah in den ersten Schuljahren. Welche Ereignisse führten dazu, dass die gebrochenen Schriften heute ein Randdasein fristen?

Es liegt nahe zu vermuten, dies habe mit dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges zu tun. Die Schrift der Verlierer – von den Siegermächten niedergedrückt und verboten? Die gebrochenen Schriften könnten sich auch im Zuge der Amerikanisierung, der internationalen Kommunikation und des weltweiten Handels als hinderlich erwiesen haben. Schließlich waren die runden Schriften weiter verbreitet und bekannt.

Tatsächlich begann der Niedergang der gebrochenen Schriften jedoch schon Jahre früher. 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, von der Bevölkerung kaum zur Kenntnis genommen, da sie zu dieser Zeit sicher andere Sorgen hatte, wurde von den Machthabern der Frakturschrift der Kampf angesagt.

Das wirft die Frage auf, wieso ein Krieg führender Staat für ein solches Thema überhaupt Interesse aufbrachte. Welche Bedeutung hatte also die Schriftfrage im Nationalsozialis­mus? Wie wichtig war es, welche Schrift man verwendete? Verbergen sich weitere Informationen außer denen, die der Text selbst trägt, in der Schrift? Wenn wir das vermuten, dann gewinnt das Frakturverbot im Dritten Reich eine politische Dimension, deren Absichten es herauszuarbeiten gilt.


Vorgeschichte

Entwicklung und Gebrauch der runden und gebrochenen Schriften

Aus der karolingischen Minuskel, die seit Beginn des 9. Jahrhunderts nicht zuletzt wegen ihrer guten Lesbarkeit sehr beliebt und verbreitet war, entwickelten sich in den folgenden Jahrhunderten zwei Schriftzweige.

Zum einen entstand durch Brechung und die Verwendung von Zierfüßchen und Zierköpfchen die gotische Minuskel mit einer Blütezeit im 13. Jahrhundert. Ihre stärkste Ausprägung erfuhr die gotische Schrift in der Textura (doppelte Brechung, quadratische Füße und Köpfe, insgesamt einem Gitter oder Gewebe vergleichbar).

Daneben entstand in Italien im 14. Jahrhundert die Rotunda. Sie ist gekennzeichnet durch eine weichere Brechung und man erkennt eine Bevorzugung der Rundungen der karolingischen Minuskel. Die karolingische Minuskel hielt man zu dieser Zeit in Italien für eine wiederentdeckte antike Schrift. Auf ihrer Grundlage entstand im 15. Jahrhundert die humanistische Antiqua (sie hatte das runde s als Schluss-s), die Vorläuferin unsere heutigen Antiqua-Schriften.

Nach der Erfindung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern (Mitte des 15. Jahrhunderts)übernahm Gutenberg zuerst die frühgotische Minuskel und die Textura, später auch die Rotunda. Die Rotunda und die humanistische Antiqua breiteten sich schnell nahezu im gesamten europäischen Raum aus. Sie wurden vorwiegend für Schrifttum antiker Herkunft oder humanistischen Selbstverständnisses verwendet. So fanden sie bevorzugt für lateinische Texte Verwendung.

Gegen 1480 wurde im Nürnberger Raum aus gotischen Vorläufern die Schwabacher Schrift entwickelt. Sie ist runder als die Textura und hat keine Rautenfüße. Sie wurde im 16. Jahrhundert zur führenden Schrift für deutschsprachige Druckwerke. Es war die Zeit der Reformation und die Protestanten bevorzugten die gebrochenen Schriften. Man gebrauchte sie für juristische Texte, Verträge, Urkunden sowie allgemein für deutschsprachige Texte. Gutenberg und Dürer hatten gebrochene Schriften bevorzugt. Ihre Bewunderer und Anhänger hielten sich an diese Vorbilder. Die Antiqua stand weiterhin vorwiegend für überlieferte, antike Texte in lateinischer Sprache.

Entstehung von Fronten und die Argumente der Gegner

Nach 1750 kam es erstmals zu einer breiteren Ablehnung der Fraktur. Dahinter stand die Sorge, Ausländer könnten es ablehnen, die deutsche Sprache zu erlernen, weil schon die Schrift so fremd anmutete. So wurden jetzt auch wissenschaftliche Texte vermehrt in Antiqua gedruckt. Im Zuge des allgemein erstarkten Nationalbewusstseins spitzte sich die Auseinandersetzung im 19. Jahrhundert zu. Es kam zu einer zunehmenden Verbindung der Befürwortung der Fraktur mit deutsch-nationalen Tendenzen.

Ab 1885 gründeten sich mehrere Vereine mit dem Ziel, jeweils eine bestimmte Schriftart zu unterstützen und für deren weitere Verbreitung und Anwendung zu sorgen. Dabei lag ein unterschiedliches Verständnis dessen, was eine deutsche Schrift wäre, vor.

1885/86 entstand als erster der Verein für Altschrift. Er sah in der Altschrift (Antiqua) die älteste deutsche Volksschrift und forderte ihren fast ausschließlichen Gebrauch. Gemäßigte Frakturschriften sollten nur noch als Zierschriften Verwendung finden.

Der Allgemeine Deutsche Schriftverein entstand 1890 und war stark nationalistisch geprägt. Er sah in der deutschen Schrift (Fraktur) das germanische Sonderwesen ausgedrückt, das es zu unterstützen und zu verbreiten galt.

Dies waren die beiden wichtigsten Vereine mit gegensätzlichem Ziel. Sie machten Eingaben an den Deutschen Reichstag, um ihre Absichten durchzusetzen. Dabei betonten beide Seiten das nationale Interesse. 1911 lehnte der Reichstag den Antrag des Vereins für Altschrift ab, die Antiqua zu bevorzugen. Der Verein für Altschrift leistete nach dieser Niederlage kaum noch Öffentlichkeitsarbeit und die Fraktur erfuhr in der Folgezeit vermehrt Unterstützung durch die Bildung weiterer Schriftvereine und auch durch eine Initiative der Hochschullehrer. Die Schulen wurden als wichtige Multiplikatoren erkannt.

1911 schuf der Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin im Auftrag des preußischen Kultusministeriums eine neue Schreibschrift, die Sütterlin-Schrift. Sie enthielt Elemente von Frakturschrift, besonders von Kurrentschrift, aber auch – in geringerem Maße – von Antiqua-Schrift (insbesondere bei den Großbuchstaben). Ab 1915 wurde die Sütterlin-Schrift als Schreibschrift an den Schulen eingeführt.

Die Verteidiger der Fraktur sowie die der Antiqua unterstützten ihre jeweiligen Forderungen durch Untersuchungen, welche die Lesbarkeit der beiden Schriftarten verglichen. Aus dem Druckbild abgeleitete Behauptungen der Frakturbefürworter waren: Das Lesen und Sinnerfassen werde bei der Frakturschrift erleichtert durch verschiedene s-Formen, Ligaturen, hervorstechende Ober- und Unterlängen, Brechungen, Unterschiede in der Breite der einzelnen Buchstaben, Auffälligkeit der Großbuchstaben u.a.m. Die Anhänger der Antiqua verwiesen auf die Ästhetik der Rundungen und auf die weite Verbreitung im Ausland. Ihr Hauptargument: Die Fraktur behindere die Verbreitung deutscher Texte und deutscher Kultur im Ausland.

1912 untersuchte von Schackwitz, ein Mitarbeiter am Physiologischen Institut der Universität Kiel, mit einem von ihm entworfenen Nystagmographen die Augapfel­bewegungen beim Lesen und stellte eine lesetechnische Überlegenheit der Fraktur gegenüber der Antiqua fest. Beim Lesen der Fraktur mache der Augapfel weniger ruckhafte Bewegungen als beim Lesen der Antiqua. Die ruckhaften Bewegungen aber seien es, die das Auge ermüdeten.

Friedrich Soennecken, Gründungsmitglied des Vereins für Altschrift, schloss dagegen aus diesen geringeren Augenruckzahlen beim Lesen der Fraktur auf eine bessere Lesbarkeit der Antiqua, da die Pausen, das Verweilen auf dem zu Lesenden, das eigentlich Belastende für das Auge wäre. Zudem fand Soennecken mit einem selbstkonstruierten Prüfapparat für Schriftdeutlichkeit heraus, dass die Antiqua gegenüber der Fraktur den Vorteil hätte, aus größerer Entfernung besser entziffert werden zu können.

Bei der Argumentation kann man verschiedene Ansätze unterscheiden: Da ist zum einen die Frage der Ästhetik, über die sich schwerlich streiten lässt. Zum anderen die einer internationalen Ausrichtung und Angleichung bzw. einer nationalen Abgrenzung durch Schrift. Die oben genannten Experimente machten sich mit Argumenten für die eine bzw. andere Schrift stark, indem sie die Gesundheit des lesenden Menschen in den Vordergrund stellten. Dabei versuchten beiden Seiten, die Versuchsergebnisse zu ihren Gunsten zu interpretieren.

In den Zwanziger Jahren kam es allmählich zu einem Ausgleich zwischen beiden Schriftarten. In der Kunst, der Architektur und im Design von Alltagsgegenständen zeigte sich der Einfluss neuer gestalterischer Ideen. So wirkten die Neue Sachlichkeit und das Bauhaus-Konzept mit ihrer Ablehnung von überflüssigem Zierrat auch auf den Schriftgebrauch, und die schnörkellose Antiqua fand eine breitere Verwendung.


Die Auseinandersetzung um die Fraktur im Dritten Reich

Von der Machtübernahme Hitlers bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges

Zur Zeit der Machtübernahme Hitlers herrschte in Deutschland Zweischriftigkeit. Eine gewisse Bevorzugung der Fraktur war allerdings vor allem auch von staatlicher Seite her vorhanden. Vom Reichsinnenministerium kam die Forderung, die deutsche Schrift (gemeint war die Fraktur) sei zu pflegen. Ihre Förderung könne zum Beispiel durch die Verwendung auf Briefmarken und Münzen erfolgen.

Ab Juni 1933 forcierte das Reichsinnenministerium auch das Vorhaben, Schreibmaschinen mit Frakturschrift verbindlich in Behörden einzuführen. Der Fachnormenausschuss für Schreibmaschinen scheiterte jedoch an der Aufgabe, sich auf verbindliche Schriftzeichen zu einigen. In diesem Ausschuss war auch die Schreibmaschinenindustrie vertreten. Man sollte annehmen, dass diese ein wirtschaftliches Interesse daran gehabt hätte, Maschinen mit neuem Schriftbild herzustellen. Hartmann vermutet, die Schreibmaschinenhersteller seien nicht zu Investitionen bereit gewesen, eine allseits akzeptierte Schreib­maschinenschrift zu schaffen (Hartmann, 1998, S. 146). Das scheint mir angesichts der Tatsache, dass im Anschluss daran ein doch nicht unbedeutendes Geschäft durch den Austausch der nun veralteten Geräte in Behörden gegen die neuen zu machen gewesen wäre, nicht einleuchtend.

Am 5. September 1934 auf dem Nürnberger Reichsparteitag brachte eine Äußerung Hitlers in seiner Kulturrede die Bestrebungen des Reichsinnenministeriums zum Wanken. Hitler sagte, „der nationalsozialistische Staat müsse sich verwahren gegen das plötzliche Auftauchen jener Rückwärtse, die dem deutschen Volk Strassenbenennungen und Maschinenschrift in echt gotischen Lettern aufdrängen wollen“ (Aktenvermerk des Referenten im Reichsinnenministerium, von Lex, im September 1938, zitiert nach Hartmann, 1998, Dok. Nr. 23, S. 365). Reichsinnenminister Frick vermerkte auf dem gleichen Schreiben am 29.09.1934, Hitler scheine die Bestrebungen zur Verbreitung der deutschen Schrift zu missbilligen, sie seien daher einstweilen einzustellen (s.o., S. 367). Mit der Einschränkung ‚einstweilen‘ sorgte Frick für keine endgültige Klarheit.

Das Vorhaben zur Produktion von Schreibmaschinen mit Frakturlettern erhielt ab sofort keinerlei Förderung mehr. Die bisherige aktive Schriftpolitik des Reichsinnenministeriums zugunsten der Fraktur wich einer vorsichtigen, eher indirekten Förderung, die in einer nahezu jährlichen finanziellen Unterstützung des Bundes für deutsche Schrift bestand.

Insgesamt zeigte das Ministerium ein sehr ambivalentes Verhalten. Frick hatte sich im Mai 1933 für einen unbedingten Vorrang der Fraktur ausgesprochen und stand seitdem in dem Ruf eines Frakturbefürworters. Wegen Hitlers Äußerungen in Nürnberg im September 1934 hielt Frick es für ratsam, Zurückhaltung zu üben.

Der Bund für deutsche Schrift, gegründet 1918, hatte zu dieser Zeit mit Regierungsrat Usadel einen engagierten Vertreter seiner Interessen im Reichsinnenministerium, denn Usadel war nicht nur Sachbearbeiter für Sprache und Schrift in der Abteilung III des Ministeriums, sondern gleichzeitig auch Vorsitzender des Bundes. 1935 regte der Bund für deutsche Schrift beim Reichsinnenministerium die Gründung eines Schriftamtes an. Dies wurde abgelehnt. Die indifferente Haltung des Ministeriums, das zwar den Bund finanziell unterstützte, aber jegliche konkrete Stellungnahme vermied, musste für Unsicherheit sorgen. Vorsichtshalber ließ sich der Bund für deutsche Schrift 1938 vom Innenministerium bestätigen, dass seine Zeitschrift volkspolitisch wertvoll sei.

Neben dem Bund für deutsche Schrift gab es seit 1933 den Treubund für deutsche Sprache und Schrift. Auch er versuchte, Frick zu einem deutlichen Zeichen im Sinne der Fraktur zu bewegen. 1938 machte der Bund dem Reichsinnenminister das Angebot, Ehrenmitglied zu werden. Frick lehnte ab. Auch ein weiterer Vorstoß des Treubundes 1939, in den neuen Schutzgebieten (Protektorat Böhmen und Mähren) nur die deutsche Schrift zu verwenden, schlug fehl. Der Vorschlag, eine Dienststelle für deutsche Sprache und Schrift zu schaffen (unter Mitarbeit des Treubundes), wurde ebenfalls abschlägig beschieden. Dabei zeigte die Wortwahl aber wiederum keine konkrete Ablehnung, sondern ließ die Antragsteller in einem Schwebezustand, der auf eine Aufnahmen ihrer Wünsche in der Zukunft hoffen ließ.

In den Schulen des Reiches gab es, bedingt durch die noch bestehende Kulturhoheit der Länder, keine einheitliche Regelung, welche Schrift als Ausgangsschrift gelehrt werden sollte. So lernten die Kinder entweder zuerst die Lateinschrift schreiben und die Antiqua lesen oder sie lernten zuerst die deutsche Schrift schreiben und die Fraktur lesen. In beiden Fällen wurde aber in den nächsten Schuljahren die jeweils andere Schrift auch noch erlernt.

Ein Erlass des 1934 eingerichteten Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung sorgte für Vereinheitlichung: Ab dem 7.9.1934 durfte in den Fibeln im gesamten Reichsgebiet die Antiqua nicht mehr verwendet werden. So lernten die Kinder als erste gedruckte Schrift die Fraktur kennen. Im Schreibunterricht erlernten sie zuerst eine Variante der Sütterlin-Schrift, die deutsche Verkehrsschrift. Im vierten Schuljahr (ab 1939 bereits im dritten Schuljahr) wurde die Lateinschrift unterrichtet, um die Schüler auf den fremdsprachlichen Unterricht vorzubereiten.

Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda wurde im März 1933 gegründet und von Joseph Goebbels geleitet. In einem Schreiben vom 7.11.1934 der Abteilung I (nachrichtlich auch an den Reichsinnenminister) wird erklärt, „grundsätzlich für die Unterstützung aller Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, auch die deutsche Schreibmaschine mit Frakturbuchstaben auszustatten“ (zitiert nach Hartmann, 1998, S. 178) einzutreten. Erstaunlich ist, dass dieses Schreiben nach Hitlers Rede auf dem Reichsparteitag in Nürnberg erging. Diese frakturfreundliche Haltung fand ihren – negativen – Ausdruck in einem Rundbrief an den jüdischen Buchhandel (30.7.1937), der aufforderte, für alle verwendeten Texte (außer hebräisch) die Antiqua zu verwenden. So sollte das fremde Element innerhalb des deutschen Kulturgutes direkt ins Auge fallen.

Über Hitlers Auffassung war bis zu seiner Rede auf dem Reichsparteitag 1934 nichts bekannt. „Mein Kampf“ erschien 1927 in Fraktur. In seiner Kulturrede, in der er sich gegen „Rückwärtse“ wandte, klagte er, diesen fehle die Vorstellung, dass Wurzeln in der Vergangenheit nicht gegen den Fortschritt sprächen. Unklar blieb: Stellte Hitler sich hier komplett gegen die Verwendung von Fraktur oder wollte er sich nur gegen eine Übertreibung in ihrer Ausformung und Verwendung aussprechen? Seine Worte ließen mehrere Interpretationsmöglichkeiten zu, die auch von den entsprechenden Stellen genutzt wurden.

Die antiquafreundliche Haltung Hitlers schon zu dieser Zeit ist dokumentiert in seiner Forderung, bei der Brüsseler Weltausstellung 1935 und auch bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 die Antiqua zu bevorzugen. Hartmann spricht von „persönlichen Geschmacksvorlieben“ Hitlers (Hartmann, 1998, S. 189), ohne dass sich damit bis zu diesem Zeitpunkt eine rigide Schriftpolitik verbunden hätte. Ferner ist eine Aussage Henriette von Schirachs überliefert, nach der Hitler die „Schwabacher Letter“ hasste.

Die NSDAP verwendete seit ihrer Gründung 1920 bis 1941 für alle Veröffentlichungen fast ausschließlich Fraktur. Im Völkischen Beobachter und auf dem Parteiabzeichen fand die Antiqua Anwendung. Die NS-Kulturgemeinde und der NS-Lehrerbund traten ebenfalls für Fraktur ein.

Entscheidung in der Schriftfrage

Mit Beginn des Jahres 1940 gab es erste Anzeichen einer Wende bzw. Entscheidung in der nationalsozialistischen Schriftpolitik. Den Ausgang nahm dies im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Ein Gesprächsprotokoll der Ministerkonferenz vom 8.1.1940 vermerkte, dass alle Texte, die für das Ausland bestimmt waren, in Antiqua zu drucken wären.

Im März desselben Jahres ging eine entsprechende Anweisung an alle Verlage. Die Bevölkerung wurde nicht informiert. Insgesamt wurde die neue Schriftpolitik nur denjenigen mitgeteilt, die direkt an ihrer Ausführung beteiligt waren: Verlage, Schulen, Hochschulen, Behörden. Ein Ziel dieser Taktik war es wohl, die Schriftfrage zu entideologisieren. Die Fraktur sollte nicht gänzlich abgeschafft, aber doch sehr stark an den Rand gedrängt werden.

Hitlers Haltung in der Angelegenheit ließ immer mehr davon ausgehen, dass der Antiqua die Zukunft gehören sollte. Goebbels' Ministerium unternahm es daher, den Boden für die Veränderung vorzubereiten. Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda behauptete, mehrjährige Erfahrung beweise eine leichtere Lesbarkeit der Antiqua im Ausland. Im Reichsinnenministerium und Reichswissenschaftsministerium war man anderer Ansicht und versuchte, Goebbels umzustimmen, jedoch ohne Erfolg.

Der Bund für deutsche Schrift hatte in Goebbels bisher einen Frakturfreund gesehen. Seit dem Frühjahr 1940 verstärkte sich aber der Eindruck, dass es zu einer Verdrängung der deutschen Schrift (Fraktur) zugunsten der lateinischen Schrift (Antiqua) zu kommen schien. Am 28.11.1940 machte der Bund eine Eingabe beim Reichspropagandaminister und erhielt Ende Dezember die Antwort, dass aus propagandistischen Gründen die Antiqua zu bevorzugen wäre. Zur Bekräftigung wurde darauf verwiesen, es handele sich „um eine Entscheidung von maßgeblicher Stelle“ (zitiert nach Hartmann, 1998, S. 397, Dokument Nr. 43). Die maßgebliche Stelle dürfte Goebbels gewesen sein. Eventuell deutete die Angabe aber auch schon auf Hitler hin, der 1941 in einer Stellungnahme davon sprach, sich bereits im Herbst 1940 zu diesem Schritt entschlossen zu haben.

In den Ministerien war dies aber so nicht allgemein bekannt. Der Kenntnisstand war sehr unterschiedlich. Die Reichskanzlei nahm 1940 in der Schriftpolitik eine neutrale, unverbindliche Haltung ein. Aus einem Schreiben vom 3.12.1940 an den Bund für deutsche Schrift wurde jedoch der Satz „Ich werde gern ihre Bestrebungen zur Erhaltung der deutschen Schrift unterstützen“ (Hartmann, S. 256), der so noch im Entwurf gestanden hatte, fallen gelassen. Es ist davon auszugehen, dass hier von übergeordneter Stelle eingegriffen werden musste, da auf Sachbearbeiterebene die entsprechende Information nicht vorhanden war.

In das Erziehungsministerium war von der neuen Schriftpolitik überhaupt nichts durchgedrungen. Noch im Dezember 1940 und im Januar 1941 ergingen von hier Weisungen zur Bevorzugung der Fraktur für Zeugnisvordrucke.

Die Schriftpolitik hatte damit im Jahre 1941 einen Stand erreicht, der von einer einheitlichen Strategie und Handhabung durch staatliche Stellen weiter als je entfernt war. In einem totalitären Staat ist so ein Zustand untragbar. Es lag sozusagen in der Luft, dass sich etwas ändern würde, aber nur wenige wussten um die Hintergründe.

Am 3.1.1941 wurde die Entscheidung Hitlers in der Schriftfrage durch ein Rundschreiben Bormanns (Stabsleiter von Hitlers Stellvertreter Heß) einem ausgewählten Adressatenkreis bekanntgegeben: dem Führungspersonal der NSDAP und dem Reichsinnenminister. Der Inhalt war nicht zur Veröffentlichung gedacht:

„Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern. Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller entschieden, dass die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen staatliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmässig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Voksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden. Die Verwendung der Schwabacher Judenlettern durch Behörden wird künftig unterbleiben; Ernennungsurkunden für Beamte, Strassenschilder u. dergl. werden künftig nur mehr in Normal-Schrift gefertigt werden. Im Auftrage des Führers wird Herr Reichsleiter Amann zunächst jene Zeitungen und Zeitschriften, die bereits eine Auslandsverbreitung haben, oder deren Auslandsverbreitung erwünscht ist, auf Normal-Schrift umstellen“ (zitiert nach Hartmann, 1998, S. 405/406).

Die Lehre der Nationalsozialisten, nach der den Juden die Fähigkeit zur Kreativität abgesprochen wurde, schrieb ihnen plötzlich eine Formgebung zu, die in einer Zeit höchster Blüte deutscher Kunst entstanden war. Die Stigmatisierung der Fraktur als ‚Judenletter‘ stand im Widerspruch zur Strategie des Propagandaministeriums von 1937. Es ist anzunehmen, dass in NS-Kreisen kaum jemand an die Schlagkraft einer solchen Argumentation glaubte. Es handelte sich um eine völlige Kehrtwendung. Dabei zeigte man sich absolut unbekümmert um historische Tatsachen. Die gotische Schrift war nicht aus der Schwabacher entstanden, sondern die Schwabacher fußte auf der gotischen. Sie wurde um 1480 in Nürnberg, das zu dieser Zeit keine Juden in seinen Mauern duldete, geschaffen. Die Bezeichnung ‚Schwabacher Schrift‘ kam erst etwa achtzig Jahre nach ihrer Entstehung auf. Zur Argumentation der Nationalsozialisten sagte Klingspor 1949, das deutsche Volk sei „bearbeitet und getäuscht“ worden mit „unwählerischen Mitteln“, wie sie in der Schriftfrage nie zuvor benutzt worden seien (Klingspor, S. 43).

Bormann schrieb nicht von einem Verbot der Fraktur (der Briefkopf seines Schreibens ist selbst noch in Fraktur gedruckt), sondern von einer Umstellung auf Antiqua, die nach und nach erfolgen sollte. Normal-Schrift sollte die Antiqua jetzt heißen. Regel-Schrift also, in Abgrenzung zur nicht-regulären, nicht-normalen Fraktur?

Am 13.1.1941 erfuhren die Weisungen Hitlers, die in Bormanns Schreiben angesprochen worden waren, eine Konkretisierung durch ein Rundschreiben der Reichskanzlei an die Obersten Reichsbehörden:

„Der Führer hat entschieden, daß sämtliche Zeitungen und Zeitschriften allmählich auf die sogenannte Antiqua-Schrift umgestellt werden ... Der Führer hat ferner angeordnet, daß die Antiqua-Schrift künftig als Normalschrift bezeichnet wird und, sobald dies schulbuchmäßig möglich ist, allein in den Volksschulen gelehrt wird. Der Führer hat schließlich bestimmt, daß Urkunden des Staates, Anschläge und Veröffentlichungen von Behörden, Strassenschilder, Bahnhofsnamen u. dgl. künftig nur in Normalschrift geschrieben oder gedruckt werden“ (zitiert nach Hartmann, 1998, S. 261/262).

Das Argument gegen die ‚Judenlettern‘ tauchte hier nicht mehr als Begründung auf. Dagegen wurde die Verständlichkeit im Ausland angeführt:

„Der Führer geht davon aus, daß die Verwendung der fälschlicherweise als gotische Schrift bezeichneten Schriftzeichen den deutschen Interessen im In- und Auslande schade, weil Ausländer, die die deutsche Sprache beherrschen, diese Schrift meist nicht lesen können“ (zitiert nach Hartmann, 1998, S. 262).

An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass die gebrochenen Schriften, wie in diesem Rundschreiben suggeriert wurde, keinesfalls allein in Deutschland Verwendung fanden. Frakturschriften waren etwa in Polen und Großbritannien sehr beliebt und in anderen europäischen Ländern waren sie zumindest nicht unbekannt. Fraktur war nicht die große Unbekannte, der Stolperstein, der jedem Ausländer automatisch den Weg zur deutschen Kultur versperren musste.

Goebbels betonte die außerordentliche Bedeutung der Entscheidung für die deutsche Auslandspropaganda. Im Protokoll der Ministerkonferenz vom 1.2.1941 lassen sich fünf Punkte nachlesen, die die Vorteile der Antiqua betonen:

1. Man versprach sich ein wirksameres Erscheinen deutscher (Propaganda-)Schriften im Ausland
2. Man erhoffte sich eine verbesserte Möglichkeit, eroberte Gebiete zu verwalten
3. Man strebte an, die militärisch-politische Herrschaft durch eine schriftlich-kulturelle Dominanz abzusichern
4. Mit einer einheitlichen europäischen (deutschen) Schrift wollte man eine Abgrenzung gegenüber der Sowjetunion und eine Anpassung an den Westen schaffen
5. Man versprach sich einen besseren Absatz deutscher Bücher im Ausland, also ein wirtschaftliches Plus

Alle Punkte zielten auf eine Stärkung der machtpolitischen Situation Deutschlands und ihre Untermauerung. Also muss man die Schriftfrage deutlich als eine politische bewerten. In der Schriftreform, mitten im Zweiten Weltkrieg angeordnet, sahen die Machthaber insofern eine kriegswichtige Maßnahme, als dass sie den Boden bereiten sollte für ein Europa unter nationalsozialistischer Herrschaft.

Auswirkungen des Verbotes

Bis Mitte Januar 1941 waren alle obersten Reichsbehörden über die Weisung Hitlers, die Zweischriftigkeit abzuschaffen, informiert. Das Propagandaministerium wies bereits in seiner Tagesparole vom 10.1.1941 ausdrücklich darauf hin, dass die gotische Schrift keinesfalls mehr als deutsche Schrift bezeichnet werden dürfte und dass die Antiqua ab sofort als ‚Normalschrift‘ anzusehen wäre.

Das Reichspropagandaamt Berlin gab diese Information umgehend in einem geheimen Presse-Rundschreiben weiter. Die Öffentlichkeit sollte von der Umstellung zunächst nichts erfahren, aber dadurch, dass Fraktur ab sofort nicht mehr als deutsche Schrift bezeichnet wurde, doch schon entsprechend beeinflusst werden. Die Diskussion der Schriftfrage hatte sich durch Hitlers Entscheidung erledigt und die Presse wurde entsprechend angewiesen.

Im Reichsinnenministerium reagierte man nur zögernd auf das Rundschreiben. So wurden die Umstellungspläne dem Reichsministerium für Erziehung erst nach vier Wochen mitgeteilt und dort dementsprechend voller Unmut aufgenommen. Der gerade erst ergangene Erlass zum Drucken von Zeugnissen in Frakturschrift wurde aufgehoben. Die alten Zeugnisvordrucke sollten noch aufgebraucht werden, Neudrucke nur noch in Antiqua erstellt werden.

Bormann wandte sich am 25. Januar 1941 persönlich an Heydrich, den Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, mit der Bitte, den Bund für deutsche Schrift, der die gotische Schrift als die deutsche propagiere, zur Einstellung seiner Tätigkeit zu veranlassen.

Die allgemeine Bereitschaft in Behörden und Verlagen zur Umsetzung der Vorgabe war groß. So erschienen recht schnell auch für das Inland bestimmte Druckerzeugnisse in Antiqua. Im Innenministerium hatte man keine Einwände: Am 15.12.1941 verkündete das Reichsinnenministerium: „Es bestehen keine Bedenken dagegen, daß das gesamte Schrifttum auf Normalschrift umgestellt wird, sobald und soweit dies ohne weiteren Einsatz von Arbeitskräften und Rohstoffen möglich ist.“ (zitiert nach Hartmann, 1998, S. 285). Urkunden und Stempel staatlicher Stellen durften nur noch in Antiqua erstellt werden. Die Umstellung gelang aber selbst bis Kriegsende nur sehr unvollständig.

Ab 1.9.1941 wurde an deutschen Schulen im Schreibunterricht nur noch die lateinische Schrift gelehrt. Das dem Erlass beigefügte Musteralphabet trägt die Überschrift: ‚Deutsche Normalschrift‘. Die lateinische Schrift wird jetzt auf einmal als deutsch bezeichnet. Im zweiten und dritten Schuljahr lernten die Kinder das Lesen der Fraktur, um die in dieser Schrift vorhandenen Bücher lesen zu können.

Die Lehrer begrüßten mehrheitlich die neue Regelung. Durch das Wegfallen eines Unterrichtsstoffes blieb mehr Unterrichtszeit für andere Inhalte, die vielleicht dringender nötig waren. Die Eltern zeigten sich erstaunt, stimmten aber im Allgemeinen zu. Lediglich im Sudetenland gab es größere Probleme, da hier die gebrochenen Schriften noch viel stärker als im restlichen Reich als Bekenntnis zum Deutschtum gewertet wurden.

Der private Bereich des Schreibens war durch die Erlasse nicht betroffen. Die Bevölkerung hatte nach und nach zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich im öffentlichen Bereich das Schriftbild änderte. Einzelne Personen, welche ein stärkeres Interesse auf diesem Gebiet hatten, beobachteten den Wandel fassungslos und eher ungläubig. Sie wandten sich an den Staat, insbesondere an das Propagandaministerium, in der Hoffnung, ein Umschwenken zur Frakturschrift erreichen zu können. Sie erhielten jedoch lediglich eine Bestätigung des Eingangs ihres Schreibens. Eine Auseinandersetzung mit ihren Argumenten fand nicht statt.

Auf Anfragen an das Reichsinnenministerium erfolgte immerhin eine Antwort, die auf das vorgebrachte Anliegen einging: „... daß ich Ihren Wünschen nicht zu entsprechen vermag, da eine klare und unzweideutige Entscheidung des Führers vorliegt“ (zitiert nach Hartmann, 1998, S. 301). Gleichzeitig zeigte man durch diese Formulierung, dass man selbst, auch wenn man dem Antragsteller zustimmte, keine Möglichkeit hatte, sein Anliegen zu unterstützen. In der Antwort schimmert noch die frakturfreundliche Haltung der Frick-Behörde durch. Nennenswerte öffentliche Proteste gegen das Frakturverbot gab es nicht.

Um Aussagen von Zeitzeugen zu erhalten, habe ich ältere Menschen meines Bekanntenkreises und Verwandte zu ihren Erinnerungen an eine Umstellung in der Schrift 1941 befragt. Zusätzlich stellte ich in zwei Internetforen (http://www.wer-weiss-was.de und http://www.feierabend.com) dieselben Fragen. Die Aussagen dieser nicht repräsentativen Umfrage lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Alle Befragten, die vor 1941 eingeschult wurden, lernten im Schreibunterricht zuerst die deutsche Schrift (oftmals wird sie noch als Sütterlin-Schrift bezeichnet). Erst ab dem zweiten Schuljahr kam die lateinische Schrift, manchmal als Schönschreibschrift bezeichnet, dazu. Wer 1941 eingeschult wurde, weiß, dass ab diesem Zeitpunkt eine Schriftart aus dem Stoffkanon der Schulen verschwand, aber nur wenige haben sich damals oder bisher Gedanken über mögliche Gründe gemacht.

Für die Schüler war das kein Thema. Die Erwachsenen berührte es dort, wo sie beruflich betroffen waren. So berichtet ein Forumsmitglied von seinem Vater, der sich als kleiner Funker nicht umstellen konnte und wollte und sich mit seiner Ablehnung der Lateinschrift einigen Ärger mit seinen Vorgesetzten einhandelte. Ein anderer erinnert sich, dass die Älteren damals vermuteten, es könnte bei der Zustellung von Feldpostbriefen im Ausland Schwierigkeiten wegen der Sütterlin-Schrift gegeben haben.

Von einem Verbot hat dagegen fast keiner etwas gehört. Ältere Schüler schrieben unbeanstandet außer im Fremdsprachenunterricht auch in Nebenfächern weiter in deutscher Schrift. Im Nachhinein verstehen manche nicht, wieso etwas so spezifisch Deutsches wie die Sütterlin-Schrift abgeschafft wurde. Eine Verbindung zum Begriff ‚Judenletter‘ oder ‚Judenschrift‘ ist bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht bekannt. Politische Gründe für eine Umstellung der Schrift werden nicht gesehen oder sogar ausdrücklich verneint. Einer spricht von einem mutigen Schritt zur Einheitsschrift. Derselbe stellt auch fest, dass bei einer freien Presse die Entrüstung damals sicher ebenso groß gewesen wäre wie heute bei der Rechtschreibreform. Für nationalbewusste Menschen war es ein Ärgernis. Sicher war es so, wie ein anderes Forumsmitglied schrieb: Der Umstieg an sich bereitete keine Probleme (die Älteren kannten beide Schriften). Aber man mochte ihn nicht, weil man sich ungern von Gewohntem trennt. Wer es sich leisten konnte, behielt seine Handschrift bei. Wie weit auch nach dem Krieg die deutsche Schrift noch bekannt war, lässt sich z.B. daran feststellen, dass die Postboten normalerweise keine Schwierigkeiten mit der Zustellung solcher Briefe hatten.

Im familiären Bereich stand man vor der Situation, dass die Kinder in den Schulen nicht mehr die deutsche Schrift schreiben lernten. Das bedeutete, dass sie unter Umständen die Schrift ihrer Eltern und älteren Geschwister nicht mehr lesen konnten. Hier ist festzuhalten, dass in manchen Haushalten die Eltern es übernahmen, den Kindern die nunmehr alte Schrift beizubringen.


Zusammenfassung und Bewertung

Zu Beginn des Dritten Reiches waren die Deutschen in zwei Schriften zu Hause. Sie konnten Fraktur und Antiqua lesen. Als Schreibschrift hatten sie die lateinische und die deutsche Schrift gelernt und konnten für den privaten Gebrauch eine der beiden bevorzugen. Vom ästhetischen Standpunkt aus ein Zustand, der den Menschen vieles an feinen Unterscheidungs- und Betonungsmöglichkeiten bot, das mit einer einzigen Schriftart nicht oder nur bedingt möglich gewesen wäre.

Vorausgegangen war eine Stärkung der Rolle der gebrochenen Schriften in den ersten Jahren nach der Machtergreifung Hitlers. Diese Stärkung hatte ihren Ursprung in der nationalsozialistischen Betonung der Sonderrolle und der Tradition des deutschen Volkes. Die gebrochenen Schriften wurden deutsche Schriften genannt. Die Abgrenzung des Deutschen gegen alles Nicht-Deutsche sollte somit auch in der Schrift ihren Ausdruck finden.

Die völlig überraschende Abkehr von den gebrochenen Schriften ist nicht aus dem ursprünglichen Gedankengut der Nationalsozialisten heraus zu verstehen und erscheint als irrational. Hitlers Schmähung der Fraktur als ‚Schwabacher Judenlettern‘ erwies sich als völlig aus der Luft gegriffen und unhaltbar, was aber zu dieser Zeit niemand öffentlich zu beanstanden wagte. 1940/41, mitten im Krieg und als die Deutschen noch fest an den Sieg glaubten, hatten die Machthaber tatsächlich die Nerven, über etwas in dieser Situation so Nebensächliches wie Schrift zu entscheiden. Hitler und Goebbels begründeten die Abkehr von der Fraktur nur mit dem Hinweis, die gotische Schrift sei bisher fälschlicherweise als deutsche Schrift bezeichnet worden. Hauptsorge aber war, dass sie im Ausland nicht gelesen werden könnte und deshalb dem Ansehen der Deutschen dort schadete.

Frakturschriften hatten und haben aber auch in anderen Ländern ihren Stellenwert und es war keineswegs so, dass etwa Engländer oder Franzosen nicht in der Lage gewesen wären, Bücher oder Zeitungen in diesen Schriften zu lesen. Fraktur diente damals wie heute auch als Zierschrift und konnte sicher nach kurzer Einarbeitung auch von Ungeübten gelesen werden.

Der Fraktur haftete neben ihrer Funktion als Zierschrift oder Schönschrift aber stets auch das Argument des Traditionellen, aus der Vergangenheit Übernommen an. Es ist davon auszugehen, dass die Nationalsozialisten hier den Punkt sahen, an dem es anzusetzen galt. Das deutsche Reich, das sie sich nach dem Endsieg vorstellten, sollte ein moderner Staat sein. Die runden Schriften galten als modern. Sie waren leichter zu erlernen, weit verbreitet und – was die technische Seite anbelangte: Schreibmaschinen mit Antiqua-Lettern waren sowieso Standard.

Die Vorteile, die Hitler sich von der Unterdrückung der gebrochenen Schriften versprach, sind nur bedingt nachvollziehbar. Die Vereinheitlichung wurde als Vorzug betrachtet und könnte doch auch als Verarmung gesehen werden. Der lästige, ständig schwelende Kampf der beiden Schrift-Lager, der in einem totalitären System sowieso fehl am Platze war, ließ sich so natürlich von einem Tag auf den anderen beenden. Machtpolitisch gesehen reihte sich das Verbot der Fraktur nahtlos in die Expansionsbestrebungen Hitlers auf europäischem Boden ein.

Die Frakturschrift erlebte nach dem Zusammenbruch des Drittes Reiches keine Renaissance. 1951 kam es zwar zur Neugründung des Bundes für deutsche Schrift in Hannover (seit 1989: Bund für deutsche Schrift und Sprache), der sich für die Verwendung deutscher Druck- und Schreibschriften einsetzt. Das Thema findet jedoch in der Öffentlichkeit keinen größeren Raum.

Zwar wurde in den Fünfziger und Sechziger Jahren die auf der Sütterlin-Schrift basierende, bis 1941 gelehrte Schreibschrift an manchen Schulen (vorwiegend in Bayern, aber auch in Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen) gelehrt – als Schönschreibschrift im dritten oder vierten Schuljahr. Tatsächlich fand sie aber keine Verwendung mehr. Das Lesen der in Fraktur gedruckten älteren Bücher wurde an den Schulen nicht mehr vermittelt. Das geschah im Selbststudium und mit Hilfe der Eltern.

Heute besteht die weitverbreitete Vorstellung einer engen Verknüpfung von Frakturschrift mit nationalsozialistischem Gedankengut. Fraktur gilt dann als nationalistisch-faschistische Schrift. Rechtsextreme Gruppen sehen das genauso. Sie verwenden gern gebrochene Schriften in ihren Logos oder in den Schlagzeilen ihrer Flugblätter, nicht jedoch in dem darauf folgenden Text. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Immer weniger Menschen können gebrochene Schriften lesen. Noch weniger sind in der Lage, sie zu schreiben. Das gilt auch für die neuen Rechten. Hitlers „Mein Kampf“, würde er heute im Original-Druck herausgegeben, könnte von der Mehrheit der Rechtsextremen kaum gelesen werden.

Gebrochene Schriften verbindet man heute aber vor allem mit Tradition. Wenn ein Handwerker oder ein Bankhaus seinen Firmennamen in Fraktur schreibt, wird das als Hinweis auf Werte wie Bestand und Verlässlichkeit gelesen. Auch für Urkunden werden gebrochene Schriften noch gerne verwendet. Dabei steht der Gedanke einer Hervorhebung aus der Alltagsschrift im Vordergrund. Durch Hitlers Eingreifen hat die Fraktur ihren Stellenwert, den sie über Jahrhunderte innehatte, weitgehend verloren. Gebrochene Schriften werden heute vorwiegend nur noch als Zierschrift angesehen.


Literatur:

1. Hartmann, Silvia: Fraktur oder Antiqua. Der Schriftstreit von 1881 bis 1941. Frankfurt am Main, 1998
2. Schneider, Karin: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Eine Einführung. Tübingen, 1999
3. Klingspor, Karl: Über Schönheit von Schrift und Druck. Erfahrungen aus fünfzigjähriger Arbeit, Frankfurt am Main, 1949
4. Wolde, Heinrich ten: Die Schwabacher Schrift. In: Die deutsche Schrift, Nr. 4, Hannover, März 1952, Hrsg: Wolde, Heinrich ten
5. http://www.wer-weiss-was.de (Experten-Forum, Leute: Generation 50+)
6. http://www.feierabend.com (Forum, Kultur & Soziales: Beiträge zu „Fraktur-Schrift im Dritten Reich“ ab 06.12.2000)


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